Wachstum erwünscht, Rendite nicht nötig

Thorsten Walter gründete den „Green Forest Fund“ – In Binau soll der erste „Urwald von morgen“ entstehen (Rhein-Neckar-Zeitung vom 7.3.2019)

Von Stephanie Kern

Binau/Heidelberg. Als studierten Ökonom interessierten Thorsten Walter erst einmal die Zahlen: Warum werden alte Bäume gefällt? Waren die Bäume krank? Oder stecken etwa wirtschaftliche Interessen dahinter? Wie viel Rendite fällt eigentlich in so einem Wald ab? Was bekommt man für einen Baum, der über viele Jahre gewachsen ist? Was ist unsere grüne Lunge eigentlich in Euro und Cent wert? Als Privatperson, als Hundehalter, der sehr viel Zeit im Wald verbrachte, fand Thorsten Walter die Antworten auf diese Fragen „abstrus“.

Er stellte fest, dass unser „Wald“ zu etwa 98% wirtschaftlichen Interessen dient und dass diese Form des Waldes nichts mit dem ursprünglichen Wald, den es vor hunderten von Jahren gab, zu tun hat.   „Der älteste Baum unseres Planeten steht in Skandinavien und lebt dort bereits seit etwa 9550 Jahren. Es braucht mehr uralte Bäume, mehr Urwälder, mehr unberührte Natur, auch hier in Deutschland“ erklärt Thorsten Walter. Nach langen Recherchen zum Thema Wald und Naturschutz, und dazu, was man tun könnte, um den Bäumen zu einem „Leben“ ohne Rendite und Motorsäge zu verhelfen, gründete er zusammen mit einem Team vor etwa zwei Jahren den „Green Forest Fund“. Im Frühjahr wird die erste Fläche des gemeinnützigen Vereins bepflanzt und sukzessive zu einem Green Forest, einem Ort maximaler Artenvielfalt und unberührter Natur umgestaltet.

Ziel des „Green Forest Funds“ ist es, deutschlandweit Flächen zu kaufen und sie der Natur zurückzugeben. „Wir schaffen die Urwälder von morgen“ lautet ein Slogan. „Das klingt vielleicht etwas plakativ, ist aber unser Antrieb“, erzählt Thorsten Walter. Die Flächen zur Pflanzung der Bäume werden nicht irgendwo auf der Welt zu diesem Zweck für einen gewissen Zeitraum gepachtet, sondern tatsächlich gekauft.  Jeder gespendete Baum bekommt eine persönliche Baumnummer, zusammen mit einer Baumurkunde und jeder kann seinen Baum finden und auch besuchen.

Doch die Grundstücke für den Naturschutz zu erwerben, ist kein leichtes Unterfangen. „Die Fläche in Binau zu kaufen, hat zwei Jahre gedauert“, so Thorsten Walter. Vorkaufsrechte für Landwirte stellten die erste Hürde dar. Nachdem der Kauf genehmigt war, ergaben sich mit einer noch ausstehenden Aufforstungsgenehmigung weitere Hürden. Um eine solche Genehmigung zu erlangen – um Natur zu schaffen – bedarf es weiterer Genehmigungen, der Zustimmung der Naturschutzbehörde, der Forstbehörde und als letzter und zentraler Instanz des Landwirtschaftsamtes. Doch auch ohne die einvernehmliche Zustimmung des Gemeinderates der jeweiligen Gemeinde, in der das Grundstück liegt, wird im Neckar-Odenwald-Kreis eine Aufforstung nicht genehmigt. Um hier mehr Effizienz in den Prozess des „Naturschaffens“ zu erlangen, mussten die Gründer umdenken. Um dieses Prozedere zu beschleunigen, wurden nun einige Obstbaumarten im weitesten Sinne und die Pflanzung von Feldgehölzen nach der Definition des Naturschutzgesetzes ausgewählt, die gepflanzt werden sollen. Thorsten Walter und seinen Mitstreitern habe das vor allem gezeigt, „was für einen Aufwand man betreiben muss, um der Natur etwas Gutes zu tun“.

Trotz der vielen Arbeit ist sich Walter sicher: „Das ist ein gutes Projekt und Werbung für die Gemeinde Binau.“ Denn von dort aus soll sich der Green-Forest-Urwald der Zukunft auf ganz Deutschland ausbreiten. Thorsten Walter: „Wir wollen quer durch Deutschland Flächen erwerben und sie der Natur zurückgeben, Orte mit maximaler Artenvielfalt erschaffen, mit Bäumen, die so lange wachsen dürfen wie es ihnen beliebt und blühenden Bienenweiden.“ Ein paar Partner sind auf den Verein schon aufmerksam geworden, etwa die Heidelberger Biobrauerei Klosterhof, das Romantikhotel am Brühl in Quedlinburg, das Kubatzki Yogahotel in St. Peter-Ording und zuletzt sogar ein amerikanischer Konzern. „Es läuft gut an. Wir brauchen aber noch viel mehr Flächen, Publicity und zusätzlich zu den vielen engagierten Einzelspendern auch weitere große Sponsoren und Partner“, fasst Walter zusammen. Die Reaktionen, die er und sein Team erhalten, seien durchweg positiv. Der finale Schritt, dann auch tatsächlich finanzielle Unterstützung für die Natur zu leisten, der müsse dann aber auch gemacht werden, meint Walter. „Wir bilden eine Plattform, durch die jeder Einzelne transparent und nachhaltig Umwelt-, Klima- und Artenschutz betreiben kann und dafür gibt es einige Möglichkeiten“, ergänzt Thorsten Walter.

Ein Inspirator von Thorsten Walter ist der verstorbene Gründer der Bekleidungsmarke North Face – Douglas Tompkins. In den 90er-Jahren erwarb Tompkins in Chile und Argentinien rund 10000 Quadratkilometer Land. Sein Ziel war es, ein zusammenhängendes Gebiet zu schaffen, in dem Tiere und Ökologie geschützt sind. „Ich habe mir gedacht, ich habe keine Millionen, um Land zu kaufen – aber ich könnte mich engagieren, um Kapital für die Natur zu beschaffen“, erzählt Thorsten Walter. Beschaffen will der Green Forest Fund nun weitere Flächen in ganz Deutschland. Wachstum ist auch dem gemeinnützigen Verein von Thorsten Walter wichtig. Die Rendite, zumindest die, die in Euro und Cent gemessen wird, nicht.

https://www.rnz.de/nachrichten/mosbach_artikel,-green-forest-fund-hier-soll-der-erste-urwald-von-morgen-entstehen-_arid,424964.html

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