Walsieg oder Walschlappe?
Ein verletzter Buckelwal strandet vor Deutschland. Wo eine filmreife Geschichte im Sinne von „Free Willy“ möglich gewesen wäre, erzählt sich leider um so deutlicher eine anhaltende Serie von unterlassenen Hilfeleistungen. Timmy wurde einfach für tot erklärt, Klappe zu. Private Hilfsorganisationen scheinen unerwünscht.
Am 31.März bekam Deutschland einen ganz besonderen Gast. Ein verletzter Wal hatte sich in der Bucht bei der Insel Poel in der Ostsee verirrt, er war quasi gestrandet. Ein seltenes Schauspiel für ein Land, das sonst keine Wale zu Gesicht bekommt. Und vielleicht handelte es sich um eine Prüfung?
Wenn ja, ist Deutschland mit mangelhaft durchgefallen. Zwar schwimmt der Wal am 20. April wieder, allerdings geschah davor wenig mehr als Tierquälerei. Schauen wir zunächst, wie es hätte laufen können, denn so ein Wal ist ein faszinierendes Tier und eine Chance, zu zeigen, was man draufhat, wie man helfen kann. Es hätte eine schöne Geschichte werden können: „Deutschland hilft Wal zurück in die Freiheit“, hätte sie lauten können.
Stattdessen hat sich die Regierung der unterlassenen Hilfeleistung strafwürdig erwiesen. Bereits nach weniger Tagen wurde der Wal für quasi tot erklärt, da könne man nichts mehr machen. Ein Museum schien sich bereits darüber zu freuen, ein Walskelett ausstellen zu können. Ist ja nur ein Tier, das vor unserer Küste verendet. Es macht Arbeit, es nervt.
Doch das Tier wollte nicht so einfach sterben. Es kamen private Initiativen und von der Öffentlichkeit wurde der Druck erhöht. Plötzlich gab es doch Möglichkeiten, das Tier zu retten, es zumindest zu versuchen.
Expert:innen waren sich uneinig, Deutschland wirkte überfordert – und wollte Hilfsangebote nicht annehmen. Mal bei skandinavischen Ländern anfragen oder bei Hilfsorganisationen, die sich mit sowas auskennen? Nein Danke. Stattdessen wurde das Tier für halbtot erklärt, man müsse das nun mit ansehen. Anstatt echte Rettungsversuche zu unternehmen, wurde der Wal mit Wasser besprüht, damit er nicht so leidet. Und weil es günstiger ist, weil für die Rettung vielleicht keine Gelder zur Verfügung gestellt wurden.
Das Drama um den Wal ging vielen Leuten zu herzen. Dieses Gefühl, nur zusehen und nicht helfen zu können, ist für viele unerträglich. Warum unternimmt unser Land nichts, warum versuchen sie es nicht wenigstens. Sobald das Tier einen Namen (Timmy) bekam, entstand eine kollektive Identifikation und in der Öffentlichkeit wuchs der Druck.
Von außen meldeten sich Initiativen: Komm, wir machen Luftkissen unter den Wal. Irgendwie bekommen wir den schon frei. Dem Bund und den Ministern war das gar nicht geheuer. Wie stehen sie jetzt da, wenn andere den Wal retten, den sie für tot erklärt hatten?
Ob Timmy gerettet werden kann, ist weiterhin unklar. „Wir sind in einer Phase, in der man Daumen drücken kann und muss“, sagte Umweltminister Till Backhaus. Mehr kann man von ihm wohl nicht erwarten als Daumen zu drücken. Zu spät scheint er die Bedeutung des Wals erkannt zu haben. Oder musste er dem öffentlichen Druck nachgeben?
Deutschland zweifelt an den Expert:innen, die Timmy für quasi tot erklärt hatten. Vielleicht, weil groß angelegte Rettungsmissionen zu teuer waren. Expert:innen des Bundes handeln auch immer nach finanziellen Möglichkeiten, ihre wissenschaftliche Expertise wurde womöglich schon vorher festgelegt. Wenn dann plötzlich jemand wie der als „Naturschutz-Influencer“ betitelte Robert Marc Lehmann ankommt, stehen sie blöd da. Ja, vielleicht hat dieser zu stark Werbung für seine eigene Person gemacht und manche Dinge falsch entschieden, aber immerhin hat er etwas unternommen.
Als die Expert:innen des Bundes urteilten, der Buckelwal sei zu schwach, eine Befreiung aus eigener Kraft unmöglich, kam Lehmann und forderte ein Eingreifen. Solange der Wal noch kräftig atme, gebe es Möglichkeiten und man müsse weiterkämpfen. Auch er ist durchaus vom Fach: Meeresbiologe und Forschungstaucher. Zudem kennt er sich mit den sozialen Medien aus. Er warf großen Umweltverbänden öffentlich vor, zu viel Spendengeld für Verwaltung und Selbstinszenierung statt für direkten Artenschutz auszugeben. Um Kampagnen unbürokratischer und transparenter umzusetzen, bündelt Lehmann seine mediale Reichweite heute primär in seinem eigenen Verein Mission Erde e.V..
Dass er Greenpeace und Co. also ein Dorn im Auge ist, scheint offensichtlich. Und hier stellt sich die Frage: wo waren diese oder auch der WWF zum Beispiel bei Timmy? Greenpeace gab den Kommentar ab, Timmy erfahre durch die Rettungsaktion einen „Megastress“.
„Unbestritten ist: Lehmann erreicht Menschen, die sonst kaum Berührungspunkte mit Naturschutz hätten“, stellt immerhin die „Frankfurter Rundschau“ fest. „Er hat Themen wie Haischutz, Wilderei und Plastikverschmutzung in die Wohnzimmer von über einer Million (vor allem jungen) Menschen gebracht und dabei konkrete Ergebnisse erzielt.“
Das sind eigentlich Aufgaben, die man vom Umweltministerium, den Umweltverbänden oder Minister Backhaus selbst erwarten könnte. Doch wie bei dem Wal auch, kommt da wenig bis nichts. Und bei Timmy wird das Gefühl bleiben: Deutschland unternimmt nichts, es hilft nicht oder erst, wenn der Druck groß wird. Unabhängig davon, ob die Rettung des Buckelwals letztendlich gelingt oder nicht – kein gutes Bild. Es wird immer heißen, dass zu spät gehandelt wurde. Diese Kritik wird bleiben. Dabei wäre eine Geschichte wie bei „Free Willy“ möglich gewesen, wenn man sie gewollt hätte.




